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Neues Deutschland

Ein Jahr Coronakrise: 30.000 Stunden ehrenamtlich im Einsatz

Hilfsorganisationen wie die Freiwillige Feuerwehr ziehen Bilanz nach einem Jahr Coronakrise. Tatsächlich ist nur schwer vorstellbar, wie angesichts des dünn aufgestellten Öffentlichen Gesundheitsdienstes der Aufbau von Impfzentren, mobilen Impfteams und Impfstofflagern hätte gestemmt werden können.

Im Januar waren es 1405 Soldat*innen, zurzeit sind es noch 800. In elf von zwölf Berliner Bezirken half und hilft diese große Anzahl Bundeswehrangehöriger in der Hauptstadt bei der Pandemiebekämpfung. »Dafür bekommen sie große Anerkennung«, erklärte der Kommandeur des Landeskommandos Berlin, Jürgen Uchtmann, im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am Montagmorgen. Nicht zuletzt, weil sie eine Uniform tragen, seien Soldat*innen erkennbar im Hilfseinsatz, betonte der Brigadegeneral. Da gehe es den vielen Helfer*innen von Hilfsorganisationen, die nach ihrem Dienst wieder in die zivile Kleidung schlüpfen, schon anders. Respekt und Anerkennung gebühre aber auch denen, die in der Anonymität verschwinden und denen keiner sagt, »wie toll sie das gemacht haben«, so Uchtmann.

Das sollte am Montag stellvertretend nachgeholt werden. Die im Ausschuss tätigen Innenpolitiker*innen von Regierung und Opposition übten sich in Einigkeit und beteuerten ihren Dank gegenüber den vielen Tausenden Ehrenamtlichen in der Hauptstadt. Die Worte von AfD-Mann Karsten Woldeit konterte Niklas Schrader von der Linken allerdings direkt: »Solange Ihre Leute bei Querdenken-Demonstrationen mitlaufen, können Sie sich Ihren Dank in die Haare schmieren.«

Innensenator Andreas Geisel (SPD) lobte die Unterstützung der Bundeswehr und der Hilfsorganisationen als unverzichtbar. »Wir als Gesellschaft sehen und schätzen Ihren Einsatz wirklich außerordentlich«, sagte Geisel in Richtung von anwesenden und online zugeschalteten Vertretern der Bundeswehr, der Feuerwehr, des Roten Kreuzes (DRK), des Technischen Hilfswerks (THW) und weiterer Hilfsorganisationen.

Tatsächlich ist nur schwer vorstellbar, wie angesichts des dünn aufgestellten Öffentlichen Gesundheitsdienstes der Aufbau von Impfzentren, mobilen Impfteams und Impfstofflagern hätte gestemmt werden können.

Die meisten Verbandsvertreter*innen befanden die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat und den Bezirken als gelungen. Es habe zentrale Ansprechpersonen und klare Ansagen gegeben, sagte der THW-Landesbeauftragte von Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, Sebastian Gold.

DRK-Vertreter Wolfgang Kast pflichtete seinem THW-Kollegen bei: Starres Verwaltungshandeln in »Stabsstrukturen« sei nicht geeignet, um komplexe Systeme zu steuern. Dafür sei eine Projektstruktur, in der Kompetenzen schnell je nach Lage zusammengefasst werden, sinnvoller. Das habe man beim schnellen Aufbau der Infrastruktur zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sehen können. »Der Architekt, der sonst Krankenhäuser baut, kann keine Messe bauen«, erklärte Kast die nachvollziehbare Entscheidung, Messebauer*innen die Impfzentren und auch die Covid-Messeklinik in der Jafféstraße errichten zu lassen. 3000 Menschen habe man überdies aus der Kurzarbeit in die Tätigkeit in den Impfzentren geholt. Der Zivilschutz-Experte zeigte sich erfreut, wie gut deren schnelle Ausbildung zum Einsatz gekommen sei: »Die Resilienz der Bevölkerung stärken wir nur über Wissen, nicht darüber, eine Gefahr zu verleugnen. Dafür brauchen wir moderne und angepasste Ausbildungen und Schulungen.« Resilienz meint die Fähigkeit, schwierige Situationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.

Kast, der schon 2002 im sächsischen Torgau beim Kampf gegen das Elbe-Hochwasser im Einsatz war, sprach sich für einen stärkeren Abbau von landeseigener Bürokratie aus. Wie das gehen kann, hätten die Hilfsorganisationen vorgemacht. »Wenn wir hergegangen wären und gesagt hätten: ›Ohne Vertrag fangen wir nicht an‹ hätten wir es nicht geschafft, in wenigen Wochen die Struktur von Impfzentren auf die Beine zu stellen.« Die Organisationen wären hier sowohl wirtschaftlich als auch mit Vertrauen in Vorleistung gegangen. Kast warb für bessere Rechtsgrundlagen und für mehr Investitionen in bestehende Strukturen, damit auch zukünftige Gesundheitslagen krisenfest bewältigt werden können. »Eine siebenstellige Summe« habe man in den vergangenen zwölf Monaten dafür bereitgestellt, ließ Andreas Geisel dazu wissen.

»Die Coronakrise hat sichtbar gemacht, dass es sich rächt, wenn man das Rad Richtung Privatisierung dreht«, erklärte Linke-Politiker Niklas Schrader. Das öffentliche Gesundheitswesen müsse dringend besser ausgestattet werden, um eine schnellere und effektivere Bewältigung von Krisen möglich zu machen.

Auch eine Debatte um die zukünftige Rolle des Ehrenamts wird zu führen sein. Steffen Nimsch, Wehrleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr Friedrichshagen, berichtete von 30 000 zusätzlichen Einsatzstunden im Zusammenhang mit der Pandemie in seiner Wehr. Er sei in seiner Funktion sieben Tage in der Woche von 8 bis 22 Uhr ansprechbar. Wenn nur die Berufsfeuerwehr besser ausgestattet würde, »droht hier was kaputt zu gehen«, so der freiwillige Brandbekämpfer.

 

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